Kein Recht der Eltern am Leben ihre Kinder
Lebensarchiv
Ich schreibe über mein Leben, als verfasste ich die Biographie eines Zeitgenossen. Oder ist es ein Mensch, der erst kürzlich verstarb?
Sorgfältig achte ich darauf das Vertrauen des Protagonisten nicht zu mißbrauchen. Wie könnte ich sonst von ihm erwarten, dass er mich in sein Archiv blicken lässt? Meine interlektuelle Unabhängigkeit gebe ich dafür nicht auf.
Die Grundmelodie meines Lebens ist die Hoffnung alles gleichzeitig erleben zu können. Ich sehne mich nach Lebensentwürfen, die sich logisch ergänzen. Das Bewusstsein sterben zu müssen intensiviert mein Dasein. Und manchmal summe ich nur so vor mich hin wie ein Kind, das den Text seines Liedes vergaß. Ein Leben lang aber werde ich immer wieder die „Was wäre wenn?“- Frage stellen:
Was wäre gewesen, wenn ich damals nicht am Bahnhofskiosk zwei Krimis gekauft hätte? So lernte ich meine erste Frau kennen und das Chaos. Hätte ich in einer anderen Stadt gelebt, ja, was dann? Was für ein Glück, dass ich damals das Flugzeug verpasste. Nur durch Dich fand ich ins Leben zurück. Lebte meine Schwester noch, wenn ich ihr beim letzten Treffen zugehört hätte?
Wie aber gehe ich mit dem Leben um, das vorhersehbar wird durch die Alltagsroutine? Und wie reagiere ich auf das, was mich überrascht?
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Suche ich wirklich das, was ich finde? Oder will ich gar nicht das finden, wonach ich suche? Wer stellt nicht hilflos Fragen, auf die es keine Antworten gibt? Entsteht so das Schicksal?
Das Leben in seiner Vielfalt kann verwirren. Wie eine Collage, deren Sinn erst dann zu begreifen ist, wenn jedes Fragment in seiner Zerstückelung den Zusammenhang herstellt. Wer sehnt sichda nicht bei der Vielzahl der Möglichkeiten die Übersicht zu behalten? Oder ist das nur ein Totalitätsanspruch an den Widerspruch?
Da ich ein geduldiger Mensch bin, hoffe ich mit der Zeit zu verstehen wie sich mein Lebensbild entwickelte. Natürlich wollte auch ich den Wertekatalog der Eltern korrigieren. Schließlich war ich die neue Generation. Aber warum soll ich mich nicht mit der Tradition auseinandersetzen und trotzdem versuchen den Blick für das Neue zu entwickeln?
Der Mensch wird erst zum Menschen, weil er das Erlernte von Generation zu Generation weiterreicht und nicht, weil er alles vergißt. Für mich bleibt auch eine Tradition, der ich mich nicht verpflichtet fühle, Tradition. Wie also bin ich da in der Lage aus meinem Leben auszubrechen?
Und trotzdem, das Leben bezieht seine Faszination aus der Möglichkeit sich jeden Tag verändern zu dürfen. Gerade deshalb haben Eltern kein Recht darauf den Sinn ihres Lebens bei den Kindern einzuklagen.
Über mich: Dr. Mathias Knoll. Lebe als Hausarzt im Sauerland. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. FAZ, Neue Züricher Zeitung, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt etc.
Betreibe gemeinsam mit Gerd Pater und Günter Preikschas das Kulturportal http://www.medeasy.de .
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